PID: Eine Technik wird die Welt verändern


Immer stärker wird auch in Österreich der Ruf nach der Legitimation der Präimplantations-Diagnostik. Die Ethikkommission FÜR die Bundesregierung hat sich deutlich dagegen ausgesprochen.

Seit jeher versucht die Medizin, Krankheiten zu heilen, Leid zu mindern. „Glück“ und „Leid“ sind subjektive Empfindungen. Ärzte sind auch heute noch vielfach darauf angewiesen, dass ihre Patienten ihren Schmerz, ihr „Leid“ möglichst exakt beschreiben, um eine Diagnose stellen zu können. Die Medizin-Technik hat aber längst einen Teil dieser Beschreibung des Patienten übernommen. Was eindeutig nachweisbar ist, muss nicht mehr subjektiv dargestellt werden. „Leid“ wurde zur vermeintlich objektiv feststellbaren Tatsache. Nicht mehr der Mensch stellt fest, woran er leidet, die Technik sagt es ihm, und sei es eine noch so kleine Abweichung von der „Norm“.

Behinderung ist eine sehr deutliche Abweichung. Menschen mit Behinderung müssen daher zwangsläufig auch sehr stark „leiden“.
Die Gesellschaft kann mit „Leid“ nicht umgehen und reagiert zunächst mit Ausgrenzung. Lässt sich ein Mensch mit Behinderung die Ausgrenzung nicht gefallen, wird er vereinnahmt: als Held, der sein Schicksal, sein „Leid“ ach wie bewundernswert erträgt.
Wenn dieses Leid schon nicht getilgt werden kann, dann doch immerhin die Behinderung – oder vielmehr der Mensch mit Behinderung.

Unter dem Titel „Sterbehilfe“ werden in den Niederlanden immer mehr Menschen mit Behinderungen ermordet. In Österreich ist das – noch – nicht vorstellbar. Aber das Gegenteil wird gefordert: Menschen mit Behinderung werden am besten gar nicht mehr geboren. Die Pränatal-Diagnose war die erste Methode, die eine Rasterfahndung nach Abweichungen noch vor der Geburt ermöglicht hat. Abgesehen von den körperlichen Risken und Folgen einer Abtreibung: die pränatale Diagnose „behindert“ hat den unangenehmen Nebeneffekt, dass sich eine schwangere Frau von einem Kind trennen muss, zu dem sie vielleicht schon eine Beziehung aufgebaut hat. Oder sie muss das Kind in ihrem Bauch als „irgendetwas“ betrachten, bevor sie nicht die endgültige medizintechnische Genehmigung hat, dieses „irgendetwas“ als ihr Kind anzunehmen.

PID scheint daher die bessere Methode zu sein: Der Mensch ist noch kein Mensch, sondern ein anonymer Zellhaufen, der sich noch nicht einmal in der Gebärmutter befindet. Die Gefahr der emotionalen Verstrickung besteht nicht. Die körperliche Belastung der Mutter bei der Entnahme von Eizellen wäre für die In-Vitro-Fertilisation auch ganz ohne PID notwendig.

Die Tatsachen, dass auch für einen noch so intensiv getesteten Zellhaufen keine Garantie gilt, dass während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder in den ersten Lebensjahren wesentlich mehr Behinderungen entstehen, als genetisch vorgesehen sind: Diese Tatsachen werden gerne ignoriert.

Die Züchtung des Menschen nach Maß ist eine Horrorvision, die denkbar unwahrscheinlich ist. Dennoch wird die PID die Welt verändern. Sie wird die Menschheit glauben machen, dass die Medizin dafür verantwortlich ist, wie der Mensch beschaffen ist. Sie wird ein neues Ideal vom Menschsein erzeugen. Sie wird dafür sorgen, dass es endgültig denk-unmöglich ist, trotz Behinderung „Glück“ zu erleben. Und die Selektionskritierien werden ausgeweitet werden.


Birgit Primig-Eisner


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