| "Vison impossible? Hochschule und Sozialutopie, Hochschulreform als neoliberaler "Putsch"? Claudia von Werlhof Allerdings existiert eine „Vision“ für die Hochschulen. Ob sie möglich ist, irgendetwas Soziales an sich hat oder/und von den Hochschulen selber angestrebt wird, steht dahin. Aber dass es sich bei dieser Vision um eine Utopie, wenn auch im schlechtesten Sinne, handelt, steht für mich außer Frage. Jedoch, es ist gerade nicht die, die wir bräuchten. 1.) Die neue „big science“. Hans Magnus Enzensberger hat kürzlich im „Spiegel“ (Nr. 23, 2.6.01) über „Die neueste Revolution in den Wissenschaften“ geschrieben (Titel: „Putschisten im Labor“). Er analysiert jene Utopie von heute, die sich in der Tat „vom bloßen, märchenhaften Wünschen“ unterscheidet, und zwar nicht nur durch „ihre rationale Gestalt“ und ihre „europäische Herkunft“, sondern auch durch die „Hybris“ des Projektes: nämlich nichts Geringeres zu wollen als die „Umzüchtung der Spezies“. „Die neuen utopischen Verheißungen... aus den Forschungsinstituten und den Laboratorien der Naturwissenschaften“ kehren mit „allen Motiven des utopischen Denkens wieder: dem Sieg über sämtliche Mängel und Nöte der Spezies, über die Dummheit, den Schmerz und den Tod. Auf einmal sagten viele, es sei nur eine Frage der Zeit, bis die genetische Verbesserung des Menschen zum Ziel führte, bis die altertümliche Form der Zeugung, der Geburt und des Todes abgeschafft wäre, bis Roboter den biblischen Fluch der Arbeit aus der Welt schafften, bis die Evolution der künstlichen Intelligenz dem leidigen Mangelwesen (Mensch, C.W.) ein Ende machte. Uralte Allmachtsphantasien fanden... eine neue Zuflucht im System der Wissenschaften.“ Zu „den sogenannten Leitwissenschaften“, so Enzensberger, gehören heute „nur die Computer- und Kognitionswissenschaften“, also die Informationswissenschaften, und „die Biologie“. Die Biotechnologie sei, so zitiert er Claus Koch, zur „Basistechnologie des nächsten ökonomischen Großzyklus“ geworden. Heute, so Enzensberger, sprächen Molekularbiologen und Genetiker von Unsterblichkeit und nicht mehr, wie einstmals, die Priester. Der „Fortschrittsglaube“ erfahre, angeführt von zumal amerikanischen Wissenschaftlern mit ihrem „endemischen Optimismus und missionarischem Bewusstsein“ eine „triumphale Wiederauferstehung“. Dafür müssten die „riesigen Investitionen in den Forschungsbetrieb... so rasch wie möglich Renditen abwerfen“ und „aus selbstbestimmten Gelehrten“ würden so „Teilhaber und Unternehmer des rasant wachsenden wissenschaftlich-industriellen Komplexes“. Ich ergänze, des wissenschaftlich-militärisch-industriellen Komplexes, denn generell die Hälfte aller Forschungsmittel geht in die Rüstungsindustrie. Der Skeptiker Enzensberger dazu: „Wer erinnert sich noch an die Glücksverheißungen der Atomindustrie aus den 50er und 60er Jahren? Die Kernkraft galt als Schlüssel zum Schlaraffenland der Energie; irgendwelche Folgeprobleme waren nicht vorgesehen. Und wie verhält es sich mit der Künstlichen Intelligenz, deren Propheten schon vor 30 Jahren für die Jahrtausendwende Maschinen versprachen, die alle Leistungen unseres Gehirns bei weitem übertreffen sollten? Niemand vergleicht diese Vorhersagen mit dem armseligen Ergebnis milliardenschwerer Investitionen“ und solange die Risiken und Nebenwirkungen „nicht katastrophale Dimensionen annehmen“, schrumpften sie „auf eine Randnotiz im Wissenschaftsteil der Tageszeitung“. Die „Evangelisten der künstlichen Intelligenz, der Gen- und der Nanotechnik“ bevorzugten eine einäugige Lektüre ihrer Visionen. Nie fehle bei der „rasanten Entwicklung“ der „big science“ auch „der Hinweis auf die menschenfreundlichen Absichten, deren sich noch jedes utopische Projekt, von Campanella bis Stalin“, gerühmt habe. „Selbst die Abschaffung des Menschen, von der die Exponenten der KI (Künstlichen Intelligenz) schwärmen“, dienen noch einem „höheren evolutionären Zweck“. Aber, so Enzensberger, „die Folgen sind prinzipiell unabsehbar“, und während „die mit der Industrie verschmolzene Wissenschaft... als höhere Gewalt auf(tritt), die über die Zukunft der Gesellschaft verfügt“ und dabei ist, „eine dritte Natur zu erzeugen“, werden „alle demokratischen Entscheidungsprozesse (ausgehebelt)“, „gesetzliche Einschränkungen“ nicht hingenommen und die „Tätigkeit notfalls, nach dem Vorbild von Geldwäschern und Waffenhändlern, in Gegenden (fortgesetzt), wo Skrupel unbekannt und Sanktionen nicht zu befürchten sind“. Dabei sei der „ethische Konsens in den grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz schlechterings nicht mehr vorhanden“, und der Einzelne könne sich „weder auf die Politik noch auf die etablierten Religionen verlassen, wenn es um (die) elementaren Lebensinteressen geht“. Auch diese „Utopie der totalen Beherrschung der Natur und des Menschen“ wird, nach Enzensberger, wie alle bisherigen Utopien scheitern, insbesondere „an ihren eigenen Widersprüchen und an ihrem Größenwahn“. Bis hierher teile ich Enzensbergers brillante Analyse. Ich teile sie nicht, wo es um die Rolle der Politik dabei geht. Nach Enzensberger erweist sich die Politik „dem wissenschaftlich-industriellen Komplex gegenüber als ratlos und ohnmächtig.“ Dies kann ich aus meiner eigenen Hochschulerfahrung und den mir vorliegenden Analysen zur Hochschulpolitik seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht bestätigen. Im Gegenteil. 2.) Hochschulpolitik für die „big science“. Bereits zu Beginn der 90er Jahre, zeitgleich mit dem Ende des Sozialismus und dem Beginn der neoliberalen Politik der sogenannten „Globalisierung“ begann auch der Umbruch der Universitäten unter anderem mit der Begründung, sie seien ineffizient, zu bürokratisch, zu unflexibel, leistungsschwach und im Korsett staatlicher Regulierung (vgl. u.a. Veronika Knapp, 2001) erstarrt. In seinem Artikel „Universitäten im Wettbewerb auf dem Weg zur Uni-GesmbH“ analysiert Reinhard Folk den Prozeß der neuen Hochschulreform (R. Folk 2001): „In Europa sind Universitäten noch zur überwiegenden Mehrzahl staatliche Einrichtungen und... aufgrund ihrer historischen Entwicklung Stichwort Humboldt´sche Universität unter die Verantwortung des Staates gestellt. Der Staat sah es bisher als eine seiner wesentlichen Aufgaben an, Forschung und Lehre an den Universitäten zu finanzieren und die Freiheit bei der Ausübung der Forschungs- und Lehrtätigkeit zu sicher. Das soll sich nun ändern. Der Staat zieht sich allgemein aus vielen Bereichen, die bisher als seine Aufgabe gesehen wurden, zurück... Insbesondere im großen Bereich der kulturellen Aufgaben des Staates, und der bisher kommerziellen Überlegungen nicht unterworfenen Bereiche, ist man im Sinne des neoliberalen Zeitgeistes dabei, kulturelle Qualität zugunsten kommerzieller Interessen zu opfern. Darunter fallen auch die Bestrebungen, die Universitäten zu kommerzialisieren. Bildung und Forschung werden zur Ware, die auf Märkten angeboten ihren Preis hat. Universitäten werden als Unternehmen am Bildungs- und Forschungsmarkt gesehen, die im Wettbewerb stehen und global agieren sollen“ (a.a.O., S. 13). Galten bei der Humboldt´schen Universitätsreform noch „die Freiheit der Wissenschaft und ihre Pflege um ihrer selbst willen, die Einheit von Forschung und Lehre und Wissenschaft als Bildung sowie Vollständigkeit und Einheit der Wissenschaften“, so erkannte Humboldt aber bereits zu seiner Zeit: „Bei Staat und Wissenschaft scheint mir unseren Zeitläufen und für die Zukunft ein Hauptgedanke, dass der Wissenschaftsbetrieb unrettbar und sicher dem Kapitalismus und der mit ihm verbundenen rohen Interessenspolitik verfallen muß, wenn ihn nicht der Staat in der Hand hält“ (Alexander von Humboldt, zit. bei Folk, a.a.O., S. 14). Allerdings sei, so Folk, unter dem Staat aber auch die „Ordinarienuniversität“ entstanden, in der die Wissenschaftsfreiheit für untergeordnete Wissenschaftler nicht galt (ebenda). Erst in der Nachkriegszeit und danach kam es bei der Entwicklung der Universität zur Massenuniversität und der verstärkten Akademisierung der Bevölkerung zu Reformen, die die hierarchische Struktur der Universitäten schwächte und eine „Demokratisierung“ der Entscheidungen herbeiführte. Es wurden sogenannte „Kurien“ für die verschiedenen „Statusgruppen“ wie Professoren, Assistenten, Studierende und das nichtwissenschaftliche Personal eingeführt, die über paritätisch besetzte Gremien Mitbestimmung ausübten. Dies war in Österreich mit dem Universitätsorganisationsgesetz UOG 75 der Fall. Seit einigen Jahren wird das neue UOG 93 durchgesetzt, das „die Möglichkeit selbständigen Handelns in Teilbereichen der Universität brachte und die Führung der Universität dem Senat und den Rektoren übertrug“. Im Grunde „wurde erwartet,... dass die Führung der Universität den neuen Spielraum nützen wird, um interne Strukturänderungen durchzuführen. Eine Öffnung zur Gesellschaft und Wirtschaft sollten Universitätsbeiräte bringen“ (a.a.O., S. 15). Inzwischen soll in Österreich wie anderswo eine neuerliche Universitätsreform von Grund auf durchgeführt werden, bei der „kein Stein auf dem anderen bleiben soll“ (Wiener Zeitung, 29.11.2000). Das Ministerium für Wissenschaft und Kunst präsentierte am 1.12.2000 die „politischen Determinaten für die erweiterte Autonomie der Universität“. Ziel ist, „nach einer sogenannten Teilrechtsfähigkeit zur sogenannten Vollrechtsfähigkeit der Universitäten zu kommen und das heißt, zum eigentlichen Ziel einer Ausgliederung der Universitäten aus dem öffentlichen Bereich“ (ebenda). Demnach soll die Universität eine „Arbeitgeberfunktion übernehmen mit dem Rektor als Arbeitgeber“. Beim entsprechenden neuen Dienstrecht geht es darum, „vermehrt befristete Dienstverhältnisse einzuführen, die im wesentlichen privatrechtlich geregelt sind“. Die Studenten sollen Studiengebühren bezahlen, Leistungsverträge regeln Aufgaben und Beziehungen zwischen dem Bundesministerium und der Universität. Es werden Evaluationen der einzelnen Fakultäten und Studiengänge veranlasst, die Mitbestimmung wird abgeschafft bzw. lediglich auf der obersten Leitungsebene installiert, und es gibt nur noch Lippenbekenntnisse zur Freiheit von Forschung und Lehre, zum freien Hochschulzugang für alle, zur Sicherstellung nationaler bildungs- und forschungspolitischer Interessen und zur Frauenförderung (a.a.O., S. 15 f). Erhöhung der Autonomie, Vollrechtsfähigkeit und Ausgliederung bedeuten „Handeln nach unternehmerischen Grundsätzen“, es geht um Rückzug des Staates, die „Reduzierung staatlicher Budgetierung durch Kommerzialisierung der Lehre und Forschung und die Steuerung der Universität über externe Räte, Leistungsverträge und interne Leistungsvereinbarungen“. Um die Universitäten „geschäftsfähig“ zu machen (S. Höllinger am 24.4.2001 in Innsbruck), wird sie autokratisch geführt. Dadurch wird eine „Amerikanisierung der Universitäten“ eingeleitet und die Abhängigkeit vom Staat durch eine Abhängigkeit von wirtschaftlichen Kräften, „die die Ziele der Universität über Aufsichtsräte bestimmen“, ausgetauscht (Folk, ebenda). Die deutsche Hochschulrektorenkonferenz HRK betreibe, so Folk, mit der Regierung zusammen eine Reform, die von vielen Fakultäten und Professoren abgelehnt wird. Dasselbe ist mit der österreichischen Rektorenkonferenz ÖRK der Fall, die „eine Reform (betreibt), die keine Grundlage in Beschlüssen der Universitäten hat. Die ÖRK sucht den Konsens mit der Industriellenvereinigung und nicht mit den Universitäten“ (ebenda). Analysiert man die Charakteristika der neuen Struktur, wie sie die erweiterte Autonomie vorsieht, dann sieht man, dass sie sich nicht an den Erfordernissen der Wissenschaft, sondern der Wirtschaft orientiert. Die Universität soll wie eine Art Aktiengesellschaft sein: Den Vorstand bilden die Rektoren, den Aufsichtsrat der vorwiegend mit Externen besetzte Universitätsrat, der Senat verliert seine Befugnisse. Der Staatseinfluß fällt nicht weg, sondern erfolgt durch mehr Steuerung im Sinne eines Anreizsystems. Dazu passt keine inneruniversitäre Demokratie. Sie wird ersatzlos gestrichen. Schließlich werden Unternehmen ja auch nicht demokratisch geführt. Ein weiteres Steuerungsinstrument ist der Markt: „Das Bildungssystem wird in die Freiheit entlassen“ (Roman Herzog am 5.11.1997 in Berlin, zit. nach M. Kotulla 2001, S. 24). Die Universitäten werden „auf den Markt geworfen, wodurch neue Abhängigkeiten nach außen entstehen und das Ende der Freiheit von Forschung und Lehre droht. Autonomie heißt dann nur mehr, mit Budgetkürzungen fertig zu werden und Wissenschaftler nach dem Prinzip des ’hire and fire’ behandeln zu dürfen (G. Fitz bei „Bildung am Scheideweg“, Podiumsdiskussion 4.4.2001, Innsbruck). Auf diese Weise würden Bereiche, die außerhalb des Marktes waren, in diesen hineingeholt, für Investitionszwecke zugerichtet und investiert wird dann selbstverständlich nur dort, wo Gewinne zu erwarten sind, also z.B. nicht in die geisteswissenschaftlichen Fächer und auch nicht in Forschungsprojekte, die sich mit BSE, Gentechnik und Kernenergie oder auch Frauenforschung beschäftigen.
3.) Bildung als Bestandteil neoliberaler Globalisierung und die Folgen. Damit folgt die neuerliche Universitätsreform den Prinzipien der allgemeinen neoliberalen Umstrukturierung aller Bereiche der Wirtschaft und der Dienstleistungen. So ist der gesamte Bildungsbereich, der Gesundheitsbereich und der der Infrastruktur sowie des gesamten öffentlichen Dienstes von solcher Privatisierung, Deregulierung, Liberalisierung und Flexibilisierung betroffen, wie es die WTO und in ihrer Folge das GATS (General Agreement on Trade in Services) weltweit betreiben. Dabei geht es darum, nun auch die öffentlichen Dienstleistungen weltweit operierenden Konzernen zu „öffnen“. Die entsprechenden Verhandlungen in Quatar im November 2001 werden zeigen, inwieweit es gelingt, auch den bisher nationalen Bildungsbereich globalen WTO-Regeln zu unterwerfen. Das würde bedeuten, dass dann auch mit Zwang („top down“) gerechnet werden muß, und zwar z.B. dort, wo Bildungseinrichtungen sich gegen ihre Auslagerung wehren. Die Folgen solcher Reformen sind an manchen Orten schon deutlich zu erkennen. So wurde für die Niederlande festgestellt, dass sich die Hochschulreform der 80er Jahre lediglich „als Instrument und Legitimation einer Sparpolitik... auf Kosten der Basisfunktion des Staats, für Erziehung zu sorgen“ (Folk, a.a.O., S. 17) auswirkt und im Grunde lediglich „eine Reduktion aller Qualität durch Quantität stattfindet“ (Chris Lorenz, in: Folk, ebenda, S. 17). So sind Ende März 2001 50 niederländische Professoren mit einem Manifest „zu einer Erneuerung der Universität“ an die Öffentlichkeit getreten (K. van der Wal, in Folk, ebenda). Dort wird auf die „Verschulung, Vermassung und Verengung (Infantilisierung) der Lehre“ hingewiesen und betreffs der Forschung darauf, dass sie „durch die Forderung der Marktkonformität und direkten gesellschaftlichen Relevanz immer mehr gefährdet oder geradezu in Bedrängnis geraten sei“ (ebenda). In Australien habe die Kommerzialisierung der Universitäten zu erschütternden Ergebnissen geführt. Es werden Prüfungsergebnisse manipuliert, Standards vermindert und die Grundlagenforschung zugunsten wirtschaftsorientierter Forschung eingestellt. Die Vielfalt des Angebots gehe drastisch zurück, ökonomisch nicht relevante Disziplinen werden verdrängt“. Als Resultat „verlässt die Spitze der australischen Forschung das Land“ (ebenda). In England haben die der Reform folgenden Evaluierungen für Jahre die gesamte Forschung und die meisten Ressourcen blockiert: „Die Kreativität ist zerschmettert, die Ressourcen vergeudet“ (A. Ryan: „Stalin had to die too“, in: The Times Higher, 30.3.2001) und selbst die Professoren, die am besten abschnitten, revoltieren gegen das Verfahren des QAA (Quality Assurance Agency). Es sei ein stalinistisches Inspektions-Regime, das nur die Illusion einer „richtigen“ Beurteilung der wissenschaftlichen Leistungen hervorbringe („Trial by ordeal“, in Guardian Education, 30.1.2001). Und niemand geringerer als die London School of Economics führt die Revolte an (P. Baty: „LSE leads revolt against QAA, The Times Higher, 23.3.2001). Neben der Entstaatlichung und Kommerzialisierung der Universitäten ist ihre Computerisierung ein besonderes Merkmal der Reform. Der „face to face“-Unterricht wird durch Telekommunikation ersetzt. Einmal erstellte Studiengänge werden vermarktet und spielen ihre Kosten ein (Folk, ebenda). Die Universität von Phönix in den USA hat „praktisch kein Lehrpersonal, keine Hörsäle und keine Bibliotheken“ mehr. Ihr Angebot betriff nur noch „Gesundheit, Unternehmensführung, Informationstechnologie und Erziehung. Zugang haben nur Studierende über 24 Jahre in festen und gut bezahlten Beschäftigungsverhältnissen...Die horrenden Studiengebühren werden teilweise von Firmen zurückerstattet. Die Universität hat 75.000 Studierende“. Die Ziele dieser Universität: „Wir bieten Trainingsprogramme an, die den spezifischen Bedürfnissen Ihrer Industrie oder Ihres Geschäftes angepasst sind. Wir arbeiten mit Ihrer Gesellschaft zusammen, um genau die Erziehung zu bieten, die Ihre Gesellschaft braucht, um ihre Produktivität und ihren Profit zu erhöhen“ (Folk, a.a.O., S. 18). Und das heißt, „akademische Freiheit genießen die Professoren keine. Auch an der Verwaltung der Universität sind sie nicht beteiligt. Forschung findet nicht statt“, und „Phönix sei keine Universität, sondern eine Handelskette für akademische Titel. Die Professoren würden ausgebeutet, die Studenten mit schmaler Kost abgespeist“ (ebenda). Phönix sei „McDonald´s für das höhere Bildungswesen“ (Die Zeit, zit. in Folk, ebenda). Die Beispiele zeigen, dass die Folgen von Privatisierungen bzw. Ausgliederungen gerade nicht zu dem führen, was angeblich gewollt ist: weder zu einer Leistungs- und Effizienzsteigerung, noch zur Verbilligung oder gar zur Qualitätsverbesserung. Bildung wird zur Ware für die, die sie sich leisten können. Eine Grundversorgung wird nicht mehr gewährleistet. Die bisher übliche Forschung geht zugrunde. Es ist das Ende der öffentlichen Güter, der „commons“, und es findet eine Enteignung der Öffentlichkeit statt. Von einer Chancengleichheit kann nicht mehr geredet werden, und die Betroffenen haben keinerlei Mitbestimmung mehr. Es ist also auch das Ende der Demokratie in diesem Bereich (vgl. G. Fitz 2001, a.a.O.). Die Deregulierung wiederum zeigt, dass der Markt wegen seines häufigen Versagens und seiner Ungültigkeit für manche Bereiche keinen Ersatz für den Staat darstellt. Der freie Markt ist nicht imstande, ein adäquates Bildungsangebot zu produzieren und auch der mündige Konsument des Bildungsangebots kann selbst nichts kontrollieren. Stattdessen zerstört der Markt noch die vorhandenen Grundlagen (G. Fitz, ebenda). So wird z.B. den Geisteswissenschaften „derzeit die Ehre abgeschnitten, weil sie sich angeblich nicht rechnen, weil sie keinen materiellen Gewinn abwerfen, kurz: Weil sie ohne wirtschaftlichen Nutzen sind“ (S. Deger-Jalkotzy: „Kulturerbe“ und „Orchideen“, 2001, S. 39). „Die breite Öffentlichkeit (setzt) in ihren Hoffnungen auf Lösung von Lebensproblemen mehr auf den Fortschritt in Medizin und Technik und auf die Sozialwissenschaften als auf die von den Geistes- und Kulturwissenschaften angebotenen Wertorientierungen und Bildungsgüter“ (a.a.O., S. 40). Aber „in Wirklichkeit geht es um Macht. Wirtschaft und naturwissenschaftlich-technische Zivilisation erheben heute den Anspruch, das Denken und Handeln der Menschen auch dort zu bestimmen, wo sie nicht zuständig sind... Daß der Preis dafür in Dehumanisierung und Barbarisierung bestehen wird, nimmt man in Kauf, wie sich bereits im öffentlichen Sprachgebrauch und im Sozialverhalten weithin abzeichnet. Diese Werteumkehr hat sich schon seit längerem vorbereitet“ (ebenda), nämlich seit den Veränderungen in den 90er Jahren. „Unter dem Druck der sogenannten Globalisierung... ordnen sich die staatlichen Organe heute fast völlig den Forderungen der Wirtschaft unter. Damit nimmt die Wirtschaft mehr direkt als indirekt auch auf Budgetgestaltung und Bildungsauftrag an Universitäten, aber auch auf die inner- und außeruniversitäre Forschung und Nachwuchsförderung Einfluß“ (a.a.O., S. 41), die praktisch nicht mehr stattfindet. „Philosophen, Wissenschaftstheoretiker und Politologen weisen auf die Notwendigkeit der Geisteswissenschaften für die Orientierung des Menschen in einer vom Glauben an die technische Machbarkeit jeden beliebigen naturwissenschaftlichen Entwurfs und die völlige Kontrollierbarkeit menschlichen Tuns besessenen Zivilisation hin“ (a.a.O., S. 43). In den USA ist die Zahl der Absolventen in den Geisteswissenschaften bereits merklich gesunken (G. Fitz, a.a.O.). 15 Jahre lang, so Prof. Rathmayr in Innsbruck, wurde nie von den Aufgaben der Universitäten für die Gesellschaft gesprochen. Ihre Bedeutung für die Gesamtkultur wurde während der Reformperiode nie diskutiert. Jetzt steht eine Wissensvernichtung, ein Verlust von Wissensbeständen zugunsten kurzfristig austauschbaren Wissens an (B. Rathmayr 2001). Ja, die neuen Institute und Fakultäten für Informatik sind dabei, auf der Suche nach weiteren Anwendungsbereichen alle Wissensgebiete zu kolonisieren, indem sie ihre Ergebnisse quantifizieren, aufteilen und evaluieren. Niemand hat untersucht, was dann noch übrig bleibt. Stattdesssen erhofft man sich davon eine Art maschinengestützte „potente“ Allgemeinwissenschaft als Pendant zur verallgemeinerten Biowissenschaft, wie es Enzensberger sieht. Der größte Teil der „Rest“-Wissenschaft soll dann womöglich der „big science“ geopfert werden. Das bisherige wissenschaftliche Paradigma wird also „putschartig“ (Enzensberger) abgeschafft, ohne dass es je diskutiert worden wäre, und ohne, dass das neue Paradigma, der Markt, irgend etwas mit Wissenschaft zu tun hätte. Insgesamt ist damit aber auch die Glaubwürdigkeit der Behauptung, die Reform der Universitäten sei aufgrund ihrer eigenen Unvollkommenheiten geplant und durchgesetzt worden, hinfällig. Wie es der Gewerkschafter Gerhard Fitz von der Universität Innsbruck ausdrückt: „Die Mitbestimmung verschwindet sang- und klanglos, ohne dass sie gescheitert wäre, und die Universität wird rehierarchisiert, anstatt die vorhandene Demokratisierung zu vervollständigen“ (G. Fitz, a.a.O.). Die Logik dieser scheinbaren Irrationalität ist damit klar. Die Reformbegründungen sind nur Vorwand; die Katze ist aus dem Sack: Die Universitäten sollen lediglich „Kapitaldurchleiter“, d.h. in Orte der Kapitalverwertung umgerüstet werden und kapitalisierte bzw. kapitalisierbare Dienstleistungen für Kunden und Investoren der globalen Bildungsindustrie, insbesondere die US-amerikanische, anbieten. Das auszusprechen ist bislang ein Tabu. Aber immerhin traut man sich inzwischen, offen von demokratischen Verfahren Abstand zu nehmen. So sagte der Sektionschef des österreichischen Wissenschaftsministeriums, S. Höllinger, bei einer Veranstaltung zur Hochschulreform unter Beisein der meisten österreichischen Rektoren: „Die Demokratie ist ein zu hoher Aufwand. Sie braucht zu viel Zeit und ist ineffizient“ (open-space-Veranstaltung zur Hochschulreform, Innsbruck, 24.4.2001). Und die österreichischen sog. „stars of science“, die der Bundespräsident zum Frühstück geladen hatte, sollen gesagt haben: „Wissenschaft kennt keine Demokratie“ (nach H. Winkler: „Brauchen wir jetzt eine Reform der Reform?“, Senatsvorsitzender der Universität Innsbruck, 2001). 4. Beginnender Widerstand gegen die Hochschulreform. Die meisten Mitglieder der Universität haben es versäumt, ihre eigene Kritik der Universität zu formulieren und eine Reform der Universität aus dieser selbst heraus zu entwickeln. Die Universitäten vor allem die Rektoren - haben stattdessen ihren Bildungsauftrag selbst abgegeben, und zwar an die Politik und die wissenschaftsferne Wirtschaft (bzw. das Militär). Auf diese Weise wird die Krise der Wissenschaft „gelöst“, ohne je Thema gewesen zu sein. Aber auch diese sog. „Lösung“ wird die Wissenschaft nur in eine noch tiefere Krise führen. Wie sind diese Selbstentmachtung, Borniertheit und Schwäche der Universitäten zu interpretieren? Und: Warum wird noch nichts aus den Fehlschlägen in aller Welt gelernt, wie sie mit der neoliberalen Hochschulreform bereits sich häufen? Es ist im letzten Moment, zumindest in Österreich, eine breite kritische Diskussion mit ablehnenden Stellungnahmen aus sämtlichen Hochschulen des Landes zustandegekommen (Resolutionen und Stellungnahmen aus Universitäten Österreichs zu Fragen des Dienstrechts und der Vollrechtsfähigkeit vom April 2001, Innsbruck). Darin wird deutlich, dass die neuerliche Hochschulreform über die Universitäten hinweg geplant und angefangen wurde. Inzwischen sind aber sowohl die Senate wie auch einzelne Fakultäten, die Studierenden und die nichtwissenschaftlichen Bediensteten aufgewacht und haben an allen Ecken und Enden des Landes ihren Protest begonnen. So wurden einige Entschärfungen des neuen Dienstrechts durchgesetzt, sodaß ein österreichweiter Streik an den Universitäten verhindert wurde. Bei meiner Tätigkeit als Angehörige des Senats der Universität Innsbruck habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein organisierter Protest, in diesem Falle auf Senatsebene, durchaus möglich war und in diesem konkreten Falle dazu geführt hat, dass der Senat mit 80% die Reform ablehnte und damit die Universität Innsbruck als erste zum Ausscheren aus der Front der Reformwilligen bewogen hat. Dies hat auch andere Universitäten und Senate ermutigt und die Welle von Protesten im ganzen Land mit in Gang gesetzt. Es ist nicht abzusehen, ob dies noch etwas nützen wird. Denn wenn immer weniger öffentliche Mittel fließen, sind die Universitäten auf jeden Fall gezwungen, private Mittel aufzutreiben. Also wird allein durch die Sparpolitik die Reform in Gang gesetzt. Und in diesem Moment müsste eigentlich eine Kritik der gesamten neoliberalen Politik einsetzen, zu der die Sparpakete gehören, und die dafür sorgt, dass das Geld aus den Händen der Menschen in die der großen Spekulanten umverteilt werden kann (vgl. M. Mies/C. von Werlhof (Hg.), 1999). Aber eine solche Diskussion über die Grenzen der Nation hinaus, in der es um eine Auseinandersetzung mit Globalisierungstendenzen und EU-Politik gehen würde, findet in Österreich zur Zeit immer noch nicht statt. Auf die Weise bleiben die größeren Zusammenhänge verdeckt, und es erschient so, als handle es sich um eine Frage, die bloß mit der jetzigen schwarz-blauen Koalition zu tun hat. Dabei fällt auf, dass auch die Opposition, nämlich SPÖ und Grüne diese Debatte vermeiden denn sie wollen als Nächste an die Macht (vgl. C. von Werlhof 2001). Auf diese Weise tritt überhaupt nicht ins Gesichtsfeld, wie tief die Krise der neuzeitlichen Wissenschaft in Wirklichkeit ist, und dass sie es ist, die sie so reaktionsunfähig macht. Denn eigentlich würde es sich bei einer Vision für die Universitäten um genau das Gegenteil dessen handeln, was Enzensberger als neue Wissenschaft des Kapitals kritisiert. Ja, die bisherigen Ansätze für ein wirklich neues Paradigma und eine wissenschafts-, technologie-, industrie-, kapitalismus- und patriarchatskritische Forschung werden in der jetzigen Situation noch zunichte gemacht, anstatt dass sie als erste Keime für die Erneuerung der Wissenschaft gepflegt und ausgebaut würden. 5. Bildung neu denken. Eine ökologische Vision. David Orr hat in „The Ecologist“ darüber geschrieben, was es bedeuten würde, „Bildung neu zu denken“ (Orr, David: Rethinking Education, in: The Ecologist, Vol. 29, Nr. 3, Mai/Juni 1999, übers. CW). Dort heißt es: „Die Generation, die jetzt erzogen wird, wird viele lebenswichtige Dinge zu tun haben, die wir, die gegenwärtige Generation, nicht tun wollten: den Klimawandel abwenden; die biologische Vielfalt schützen; die Waldzerstörung aufhalten; die Konsumniveaus reduzieren. Sie müssen eine Wirtschaft umbauen, um die Macht gigantischer Konzerne und nicht gewählter globaler Institutionen zu begrenzen. Und sie müssen all dies tun angesichts sich verschlechternder sozialer und rassischer Ungleichheiten. Keine Generation hat je ein entmutigenderes Programm vor sich gehabt... Wir erziehen diese Generation immer noch so, als gäbe es kleine planetare Notlage... Die Fähigkeiten, Kenntnisse und Einstellungen, die notwendig waren, um die Erde zu industrialisieren, sind nicht dieselben wie die, die gebraucht werden, um die Erde zu heilen oder um eine dauerhafte Wirtschaft und gute Gemeinschaft aufzubauen.“ Als Lösung werden fünf lebensnotwendige Reformen für Erziehung und Wissenschaft vorgeschlagen: 1. Die „Wahrheit“ neu definieren. Im karthesianischen Denken, das die Neuzeit bestimmt hat, zählte nur, was gezählt werden konnte. Die menschliche Welt wurde von der natürlichen als getrennt gesehen, der Geist vom Körper abgespalten. Die Welt und ihre Lebewesen wurden lediglich als Maschinen angesehen. Gefühle und Intuition, die qualitativen Anteile der Realität wie ästhetische Wertschätzung, Loyalität, Freundschaft, Empfinden, Barmherzigkeit und Liebe wurden uns ausgetrieben. Heute können wir den Kampf um die Welt nicht gewinnen, wenn wir nicht ein völlig neues, subjektives und emotionales Band zwischen uns und der Natur sehen. Denn wir werden nicht retten, was wir nicht lieben. Eine Wissenschaft ohne Leidenschaft und Liebe kann uns keinen guten Grund dafür geben, den Sonnenuntergang zu schätzen, noch kann sie uns einen rein objektiven Grund für den Wert des Lebens liefern. Wir brauchen daher einen viel breiteren Begriff von Wissenschaft, der die qualitative und empfindsame Seite des Lebens mit berücksichtigt. 2. Grundlegende Annahmen in Frage stellen. Wir müssen die Hybris in Frage stellen, die annimmt, dass die menschliche Herrschaft über die Natur gut sei, dass die Wachstumswirtschaft natürlich sei, dass alles Wissen, unabhängig von seinen Folgen, gleich wertvoll sei, und dass materieller Fortschritt unser Recht sei. Wir müssen lernen, das Leben zu wählen. 3. Staatsbürgerschaft neu begreifen Die ökologische Notlage zeigt uns unter anderem, wie sehr wir von der größeren Gemeinschaft des Lebens abhängen. Der Missbrauch von Ressourcen, die Erosion der Böden, die Zerstörung der natürlichen Vielfalt, die Verschwendung, all dies muß eines Tages als unpatriotisch angesehen werden. Politik muß eines Tages wieder bedeuten, der Gemeinschaft zu dienen und denen, die nach uns kommen (nach Vaclav Havel). 4. Den technischen „Fortschritt“ in Frage stellen. Der heutige technologische Fundamentalismus muß in Frage gestellt werden: Führt uns der technische Wandel da hin, wo wir hingehen wollen? Die blinde Akzeptanz von „Fortschritt“ muß aufhören. Es gibt Leute, die wollen den Inhalt des Geistes in einen roboterhaften Maschinenkörper „herunterladen“ (Moravec). Solche Forschung steht im schärfsten Kontrast zu dem, was wir wirklich brauchen. Wir brauchen eine annehmbare Gemeinschaft, eine gute Arbeit, liebevolle Beziehungen, stabile Familien und ein Ende unserer puren Egozentriertheit. Unsere Bedürfnisse sind auch spirituelle, dennoch ist unsere Vorstellungskraft und Kreativität immer noch nur auf Dinge gerichtet. 5. 𠇫ildungseinrichtungen“ neu definieren Es gibt große Konzerne, die sich jetzt im Bildungsbereich engagieren. Sie wollen viele Schulen und höhere Bildungseinrichtungen in den nächsten zwei Jahrzehnten schließen. Stattdessen bieten sie eine „Bildung“ in ihrem Interesse an, eine, die besser an die Realitäten der Konzerne angepasst ist. Konzerne werden keine freie Bildung anbieten, sondern nur eine Art High-Tech-Job-Training (vgl. D. Orr, a.a.O.). Es ist klar, dass wir so etwas wie eine ökologische Bildung und Erziehung im weitesten Sinne brauchen. Hiermit ist das genaue Gegenteil von dem gemeint, was im Moment an den Universitäten Platz greift oder greifen soll. David Orr drückt das so aus: „Anstatt die Welt in Disziplinen aufzuteilen, müssen wir nun darüber nachdenken, wie wir die Dinge wieder miteinander verbinden können, bzw. verbunden sehen können. Flüsse z.B. sind real, während Disziplinen abstrakt sind. Um einen Fluß gut zu kennen, z.B., muß man ihn fühlen, in schmecken, ihn riechen, in ihm schwimmen, ihn in verschiedenen Zuständen sehen und mit anderen, die es auch erfahren haben, darüber sprechen. Das Wissen muß in einen ökologischen Kontext gestellt werden, damit alle unsere Sinne und nicht nur der Intellekt bereit sind, eine „Romanze mit der natürlichen Welt“ zu beginnen, und vielleicht auch Grenzen des Wissens zu lehren. Wenn die Studenten verstehen lernen, wie die Welt zunächst einmal rein physisch funktioniert, und warum dieses Verstehen wichtig ist für ihr Leben, dann werden sie auch wissen, wie man eine gute Wirtschaft organisiert. Die Studierenden müssen zunächst einmal motiviert werden, ihr wirkliches Interesse zu entdecken, jene tiefe Leidenschaft, die ihnen sagt, wer sie werden wollen. Mit diesem Interesse kann jemand immer auch eine Karriere machen, aber es ist sehr viel schwieriger, später im Leben ein Interesse innerhalb einer Karriere zu finden“. Orr schließt mit E. F. Schumacher: „Erziehung muß immer unsere zentralen Überzeugungen klären. Denn unsere Überzeugungen sind in Unordnung, und diese Unordnung wächst. Wenn wir uns nicht an diese Aufgabe machen, wird Bildung nicht unsere größte Ressource, sondern eine Kraft der Zerstörung sein“ (zit. in D. Orr, 1999). Ähnliche Prinzipien einer neuen Lehre und Forschung haben wir seit 30 Jahren auch in der Frauenforschung diskutiert. Zentral ist hierbei die Kategorie der „Betroffenheit“ (M. Mies 1978) sowie die Aufgabe der hierarchischen Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt im Forschungs- und Lernprozeß. Diese Gegenvision ist also auch da, aber ob sie möglich sein wird? Es wird davon abhängen, ob, bzw. wann die Gesellschaft merkt, dass die Krisen, die sie sich selbst in immer größerem Umfang produziert, nur dann ein Ende finden können, wenn sie auch erforscht werden, selbstverständlich mit dem Ziel, es nie wieder so weit kommen zu lassen. Diese Alternativen im Bildungsbereich werden wahrscheinlich schon sehr bald, in einigen wenigen Jahren, zur Diskussion stehen, weil sie wegen wachsender Katastrophen einfach dringend gebraucht werden. Es wird dann aber wahrscheinlich kaum mehr etwas von dem vorhanden sein, was bereits jetzt in diese Richtung geht. Die Monokultur der konzernorientierten Wissenschaft wird aus sich heraus jedenfalls keine Antwort auf die inzwischen sichtbar auf uns zukommenden gigantischen Probleme haben. 6. Die Abstinenz der Kirchen: Sind theologische und big science-Vision heute gleich? Ich habe mich immer gefragt, warum die Kirchen, sei es in Theorie, sei es in Praxis, insgesamt so wenig zur Klärung solcher Fragen beigetragen haben. Schließlich sind sie es auch, die unser Bildungssystem von Anfang an geprägt haben. Es muß damit zu tun haben, dass die Kirche einerseits nicht wieder als Kritikerin wissenschaftlichen Fortschritts dastehen will wie zu Beginn der Neuzeit. Andererseits hat sie sich aber auch weitgehend einer Kritik der neuzeitlichen Ökonomie enthalten, und den Kapitalismus nie wirklich abgelehnt. Und drittens, und dies hängt mit den beiden ersteren Punkten zusammen, haben die Kirchen immer noch ein Verhältnis zur Natur, in dem die Natur nicht als solche heilig ist, sondern nur da und dort, wo es dafür eine priesterliche Bestätigung gibt. Ja, zusammen mit der Natur gelten auch wir Frauen immer noch als die mit dem Bösen und Niederen Verbundenen, wenn nicht als dessen Ausdruck schlechthin, sodaß aus der theologischen Sicht der Kirche das ökologische Problem der Zerstörung jedenfalls nicht prioritär ist. Vielleicht sind die Kirchen stattdessen sogar vielmehr interessiert an einer technologischen Transformation von Natur in eine neuparadiesische, angeblich bessere, edlere, wenn nicht göttliche Welt. Dieses Projekt ist auch das des säkularen Patriarchats, nämlich der Versuch, von den schöpferischen Kräften der Natur wie auch der Frauen endlich unabhängig zu werden und den Beweis des männlich-göttlichen Schöpfertums am Ende doch noch zu erbringen (C. von Werlhof 2000). Das Problem mit diesem Projekt „der Umzüchtung der Spezies“ ist nur, dass der Versuch seiner Realisation über den technischen Fortschritt eine Wahnvorstellung ist. Von der aber muß so schnell wie möglich Abstand genommen werden, damit in ihrem Namen nicht noch mehr vernichtet wird. Eine solche Gegen-Vision ist denkbar und fühlbar. Wir können beginnen, in unserem Alltag danach zu handeln. Jedenfalls scheint mir, dass, wenn die Kirchen nicht endlich sich auch von oben auf unsere Seite schlagen, der Glaube an Gott am Ende ersetzt werden wird durch den an die Maschinen und die Banken. Literatur Baty, Phil: LSE leads revolt against QAA, The Times Higher, 23.3.2001 Deger-Jalkotzy, Sigrid: “Kulturerbe” und “Orchideen”. Geisteswissenschaftliche Anmerkungen, in: BUKO (Bundeskonferenz des wissenschaftlichen und künstlerischen Personals der österreichischen Universitäten) 01/1, Wien 2001, S. 39-43 Enzensberger, Hans Magnus: Putschisten im Labor. Die neueste Revolution in den Wissenschaften, in: Der Spiegel, Nr. 23, 2.6.2001, S. 216-222 Fitz, Gerhard: bei Podiumsdiskussion „Bildung am Scheideweg“, Veranstaltung des Senatsarbeitskreises Wissenschaft und Verantwortlichkeit der Universität Innsbruck, 4.4.2001 Folk, Reinhard: Universitäten im Wettbewerb Auf dem Weg zur Uni-GesmbH. 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